Der alte Hafen. Immer noch ein Bild der Verwüstung. Auch Jahre nach der großen Flut klammert sich der Gestank von faulem Amber-Wasser an die zerfurchten Gassen. Wer hier lebt, hat den Abgrund als ständigen Begleiter akzeptiert. Dabei hat es den Hafen nur teilweise erwischt, als das Wasser in die Mündung des Amber gedrückt wurde und nicht mehr abfloss. Andere Stadtteile sind immer noch fast vollständig mit dem stinkenden Wasser geflutet.
Tess reißt sich von dem Anblick los, zieht ihren Umhang enger, um den öligen Regen abzuhalten, und folgt dem ausgewaschenen Kopfsteinpflaster der Straße, die sie weiter in den alten Handelshafen führt. Sie drängt sich durch die graue Masse aus gesichtslosen Fabrikarbeitern, die jeden Morgen vor den Werkstoren vergeblich auf Arbeit für zumindest einen Tag hoffen.
Über ihren Kopf rattert eine Zahnradbahn. Wer es sich leisten kann, muss hier nicht zu Fuß gehen. Mit der Bahn kommt man sogar über den Fluss in den neuen Hafen. Einer der Vorteile der ganzen Industrie und Technik, deren rasanter Aufbau die Menschen immer noch überfordert.
Darunter, im Schlamm des ausgewaschenen Kopfsteinpflasters, regiert ein anderes Gesetz. Hier ist ihr Zuhause, ihr Revier. Nicht, dass Tess hier das Sagen hätte, aber irgendwer muss ja aufpassen, dass die Straße ihre kleine Bande von Außenseitern nicht lebendig verschluckt.
Es ist Tag wie jeder andere. Ein wenig Hoffnung, ein wenig Abgrund, ein wenig Regen, die üblichen Gesichter. Bis sie Maria entdeckt, die im Schatten einer Hausecke steht und sie heranwinkt.
„Fidget will Euch was erzählen, das soll ich Dir ausrichten. Heute Abend, nach Sonnenuntergang, im Alten Anker“. Tess denkt kurz nach. Fidget. Ein eher unauffälliger Tagelöhner, dem Tess noch einen Gefallen schuldet. Anscheinend möchte er den jetzt einfordern.
Maria blickt Tess immer noch erwartungsvoll an und hält die Hand auf. Als Tess das realisiert, wechseln zwei Pence die Besitzerin, und Maria verschwindet wieder im Dunst des Morgens.
Zurück bleibt ein mieses Gefühl. Das Treffen liegt nach der Sperrstunde, Florence wird Probleme haben, wieder zurückzukommen. Trotzdem: Die Nachricht klingt so seltsam wie wichtig. Besser, sie ruft ihre kleine Bande zusammen.
Amber City ist eine Mischung aus Steampunk, Cyberpunk und Endzeit. Während die industrielle Revolution die Stadt überrollt, bilden sich Konzern-Machtstrukturen und Ausbeutung schneller, als die Leute verstehen, was da eigentlich gerade passiert.
Wilkommen am Ende des Anfangs. Wilkommen in Amber City. Zukunft war gestern.